Gummibären-Forschung: Wie alles anfing

Joachim Funke & Heike Gerdes

Bonn, Psychologisches Institut der Universität

Auszug aus dem Forschungstagebuch:

Montag, 6.11.1995: Es war einer von diesen Tagen, an denen so gar nichts gelang. Im experimentalpsychologischen Labor verhielt sich zum 27. Mal eine Versuchsperson hypothesenkonträr, der Kaffee schmeckte nach Bitterstoffen und der Regen versetzte uns auch nicht gerade in gute Stimmung. Der Glukosespiegel fiel auf einen Tiefpunkt, da blieb nur noch der Griff zur Tüte...

Aber halt, wer wird denn gleich depressiv werden? Die Gummibärchen, die da so köstlich schmeckten, wären das nicht hervorragende Versuchspersonen? In großer Stückzahl verfügbar, unter normalen Bedingungen sehr friedlich und leicht zu handhaben, keine gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse über diese kleinen Wesen... Na also: Ein neues Forschungsthema war geboren!

Wir setzten uns an unsere Maschinen und schrieben die ersten Textentwürfe; es lief wie geschmiert, die Gedanken flossen so schnell, daß unser Einfinger-Schreibsystem fast an seine Grenzen stieß...

Dienstag, 7.11.1995 Beim Mittagessen mit den Kollegen über das neue Projekt gesprochen. Begeisterung auf allen Gesichtern: endlich einmal Forschung, die uns lachen ließ! Na also! Sofort die Zusage von mehreren Kolleginnen und Kollegen eingeholt, doch ebenfalls einen Gummibärenaufsatz zu verfassen.

Mittwoch, 8.11.1995 Gummibären-Forschung geht online! Kurz vor mittag werden die ersten vorliegenden Beiträge HTML-konvertiert, ein paar Grafiken eingescannt und alles auf den WWW-Server des Psychologischen Instituts gepackt. Begünstigend hierfür: Einer von uns (JF) war zu der Zeit Webmaster am Psychologischen Institut und hatte (zusammen mit Thomas Krüger) an Karneval 1995 den WWW-Server des Psychologischen Instituts eingerichtet.

Noch vor dem Mittagessen lagen also am 8.11.95 unter der langen Adresse http://www.psychologie.uni-bonn.de/sonstige/gummibaer/gummibr.htm die ersten Beiträge auf (man beachte die Einordnung in die Rubrik "Sonstige"). Damit war der Grundstock zu einem blühenden Forschungsgebiet gelegt.


Heutige Sicht:

Auch wenn am Anfang die psychologischen Beiträge natürlich in der Überzahl waren, haben sich doch nach und nach andere Disziplinen ebenfalls für die kleinen Wesen interessiert und spannende Beiträge geliefert. Ein peer-review-System mußte eingerichtet werden, um den strengen Kriterien der scientific community Rechnung zu tragen und wirklich nur die besten Beiträge zur Veröffentlichung kommen lassen.

Nebeneffekt: Vor allem Journalisten kamen in der Saure-Gurken-Zeit gerne auf dieses Thema zu sprechen - zahlreiche Interviews in Radio und Fernsehen (http://www.psychologie.uni-heidelberg.de/ae/allg/forschun/gb/gbvideo.htm) wurden inzwischen zu diesem Thema gesendet.

Eine der wichtigsten Fragen, die uns immer wieder in Interviews gestellt wurden, lautet: Wird da nicht das Geld des Steuerzahlers verschwendet? Haben Sie nichts besseres zu tun als so einen Quatsch zu schreiben? Unsere Antwort darauf: Wir lieben eine fröhliche Wissenschaft, und da wir (wie fast alle Wissenschaftler) sowieso mehr arbeiten als das, wofür wir bezahlt werden, haben wir keine Probleme mit dieser Frage. Wie auf folgendem Bilddokument zudem unschwer zu erkennen ist, trägt der Gummibärenforscher Joachim Funke bei seiner Tätigkeit Freizeitkleidung.

Mit der Einrichtung einer eigenen Domain http://www.gummibaeren-forschung.de/ im Oktober 1999 wurde der Gummibären-Forschung ein neues, würdiges Zuhause gegeben.

Möge die Gummibären-Forschung, die so lustig angefangen hat, auch immer lustig bleiben, damit möglichst viele Leserinnen und Leser sagen können, was uns eine Sechsjährige schrieb: "Wenn ich groß bin, möchte ich Gummibären-Forscherin werden!"